Projekt 1: Non-Binary Identity

„Nicht-binäre Menschen lösen häufig Irritation aus“

Parker R. Hirschmüller macht mit ihrem Fotografie-Projekt „Non-binary identity“ Geschlechtervielfalt lebendig und schafft Raum, in dem Kinder und Jugendliche ihre Geschlechtsidentitäten spielerisch hinterfragen können.

Non-binary identity

Zusammengesunken im Schneidersitz sitzt Jenn in einer blassrotkarierten Schlafanzughose und grauem Kapuzenpulli auf ihrem Bett – in den Armen ein pastellfarbenes Kuscheltier. Jenns Gesichtszüge sind weich und entspannt, der Blick ist nach unten gerichtet. Durch die eingesunkene Körperhaltung wirkt Jenn nachdenklich und verletzlich. Direkt daneben – eine weitere Fotografie von Jenn: Blau-grün karierter Anzug, schneeweißes Hemd, weinrote Krawatte. Nach vorne gebeugt, die Hände ineinander gefaltet, sitzt Jenn im Businesslook auf einem grauen Sofa. Jenns Lippen sind aufeinander gepresst und auch hier schaut Jenn nicht in die Kamera. Jenn wirkt cool und abgeklärt.

Die authentischen Momentaufnahmen von Jenn, stellen die Wandelbarkeit eines Menschen sowie die unterschiedlichen Facetten körperlichen Ausdrucks dar. Intuitiv lässt sich nicht sagen ob Jenn „weiblich“ oder „männlich“ ist, da sowohl die Kleidung als auch der körperliche Ausdruck nicht zu gängigen Geschlechternormen passen: Aber das will Jenn auch gar nicht, denn Jenn verortet sich als nicht-binär.

Ich merke oft, dass Menschen mich ansehen und sich wundern. Jenn

Die Aufnahmen sind Teil der Ausstellung „Non-binary-identity“ im Jugend Museum Tempelhof-Schöneberg. Nicht-binär ist ein Begriff, der von Menschen verwendet wird, die sich außerhalb der Norm von „männlich“ und „weiblich“ verorten. Die 24-jährige Parker Hirschmüller hat insgesamt 15 junge Menschen fotografiert und interviewt, die sich als nicht-binär identifizieren. Heute führt sie durch die drei Säle des Berliner Jugendmuseums, erzählt von ihrem Projekt und den porträtierten Personen. Hirschmüller ist quirlig, lacht viel und es ist spürbar, dass sie mit ihrer offenen Art den Druck aus dem hochsensiblen Thema nehmen will.

Die Idee zu dem Fotografieprojekt kam der Studentin für Kommunikationsdesign in einem Uniseminar zum Thema Fluid Gender. Ihr Wunsch war es etwas Praktisches zum Thema Geschlechtervielfalt zu entwickeln, fern ab von den theoretischen Genderdiskussionen in der Uni. Sie selbst hatte damals gerade die Selbstbezeichnung nicht-binär für sich entdeckt, kannte aber keine einzige Person in ihrem privaten Umfeld, die sich ebenso bezeichnen würde. So startete Hirschmüller einen Aufruf über die sozialen Netzwerke und fand ihre Protagonist*innen.

Ich stand ganz oft vor dem Spiegel und habe mich gefragt, was mit mir falsch ist und dass ich mich mit dem Label "Frau" nicht identifizieren kann. Jenni

„Menschen, die nicht in die binären Geschlechterklischees passen, lösen häufig Irritation aus“, erzählt Hirschmüller, “man bekommt viele Fragen gestellt, die sehr indiskret sind“. So würden sich viele Menschen nicht damit zufrieden geben, wenn Parker erzählt, dass sie sich als nicht-binär identifiziert. „Ich bin zum Beispiel gerade dabei meinen Namen zu ändern. Viele Kinder in den Workshops hier im Museum wollten dann wissen, wie denn mein alter Name ist. Ich habe dann oft gesagt, na ja überlegt doch mal warum ich meinen Namen wohl ändern will. Wahrscheinlich war ich nicht so zufrieden mit ihm“, erzählt Hirschmüller lachend, “und da fällt ihnen dann schon selbst auf, dass das vielleicht eine etwas unsensible Frage sein könnte.“

Wenn ich alleine in Drag unterwegs bin, leiste ich mir besonders abends immer den Luxus ein Taxi zu nehmen. Es ist nicht nur einfacher sondern auch sicherer. Toto

Für die pädagogische Leitung des Jugendmuseums, Ellen Rotters, ist die Fotografieausstellung von Hirschmüller ein Glücksfall. Es war Hirschmüller, die auf das Museum zugekommen ist und ihr Projekt vorgestellt hat. Seit 2015 laufen im Jugendmuseum unter dem Modellprojekt des Bundesfamilienministeriums: „All included – Museum und Schule gemeinsam für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt“ unterschiedlichste Ausstellungsformate und Aktivitäten. Hirschmüllers Ausstellung hat perfekt gepasst. „Am Anfang hatten wir Bedenken, gerade auch mit dem Ausstellungsplakat vor unserem Haus auf dem eine*r der Protagonist*innen Toto zu sehen ist. Wir hatten Angst, dass es vielleicht beschmutzt oder zerstört wird. Aber wir sind alle sehr überrascht wie viel positives Feedback wir für diese Ausstellung bekommen.“

Fast täglich kommen Schulklassen zu den vom Museum angebotenen Workshops. Die Workshops finden im letzten der drei Säle der Ausstellung statt. „Das ist unser kleines Wohnzimmer“, erklärt Parker, „hier können die Kinder und Jugendlichen den gesamten Raum so organisieren, wie sie wollen. Mein Anliegen war es eine Stimmung, wie auf meinen Fotografien, zu kreieren. Ich war ja bei allen Protagonist*innen zu Hause und habe viel Zeit mit Ihnen in ihren privaten Räumen verbracht. Dadurch habe ich sehr intime Einblicke in das Leben der Leute bekommen.“

Dieses ganze männlich/weiblich nervt mich wahnsinnig. Dieses ganze Gerede über “typisch Frau” oder “sei ein Mann” sortiert Menschen in unnötige Schachteln. Shiro

Ein besonderes Highlight während der Workshops im „kleinen Wohnzimmer“: Die Verkleidungssessions. Das Museumsteam hat die Kleidung der Menschen auf den Fotos zum Teil nachgekauft, so dass sich die Teilnehmer*innen unterschiedliche Outfits zusammenstellen können. Gemeinsam überlegen die Teilnehmenden dann: Wie fühlt sich das an: Ist das männlich oder weiblich? Oder keins von beiden? „Das ist sehr interessant. So finden Kinder und Jugendliche ein weißes T-Shirt meistens geschlechterneutral, sobald aber ein Stück rausgeschnitten ist und mehr Haut zu sehen ist, ist es sofort weiblich konontiert“, erzählt Hirschmüller. „Ich denke jede*r, der/die* hier herkommt, selbst wenn der Person das Thema vorher vielleicht egal war, bekommt hier so einen kleinen Anstoß darüber nachzudenken, dass es vielleicht mehr als zwei Geschlechter gibt und unsere Aufteilung in „männlich“ und „weiblich“ nicht immer so starr sein muss.“

Kleidung hat kein Geschlecht. Wenn ich Lust auf einen Rock habe, trage ich einen Rock, wenn ich Lust auf High Heels habe, trage ich High Heels. Ich habe schon immer gerne mit den Geschlechterrollen gespielt. Ben

Projekt 2: Trans* JAUND?!

„Du musst es nicht schon immer gewusst haben“

Trans* Ja Und?! ist ein Empowerment Projekt für Jugendliche, die sich nicht oder nicht nur mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei Geburt zugewiesen wurde. Mit Spoken-Word bringen sie ihre Themen auf die Bühne.

Schreib es auf und trag es vor – so funktionieren die Workshops von Trans*JaUnd?!. Das Konzept aus Schreiben und Performen ermächtigt trans* Jugendliche sich mit Fragen zu geschlechtlicher Identität, Outing oder gesellschaftlichen Normen auf kreative Weise auseinanderzusetzen und sich untereinander zu vernetzen. Die Audio-Reportage begleitet einen Spoken Word Workshop von TRANS* – JAUND?! in Berlin.

Musik der Audio-Reportage: Confirmation blues by Robbero (c) copyright 2015 Licensed under a Creative Commons Attribution Noncommercial  (3.0) license. http://dig.ccmixter.org/files/Robbero/50510

Viele Kinder und Jugendliche, denen bewusst wird, dass sie sich nicht mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren, haben nach wie vor wenig Ansprechpartner*innen. Aus Angst vor Ausgrenzung und Ablehnung verstecken trans* Kinder und Jugendliche häufig ihre geschlechtliche Identität. Viele werden sich ihrem trans*Sein sehr viele Jahre vor ihrem eigentlichen Outing bewusst.

Das Projekt TRANS* – JA UND?! ist ein Empowerment-Projekt von der Bundesvereinigung Trans* und dem Jugendnetzwerk Lambda e.V.. Das Team bietet deutschlandweit Spoken-Word und Trickfilmworkshops an. Die Projektleiter*innen Yan Zirke und Katinka Kraft von Trans* JAUND?! sprechen im Interview über die besondere Situation von trans*identifizierten Jugendlichen.

Interview mit Katinka Kraft und Yan Zirke von Trans* JAUND?!

Projekt 3: Black & Queer

„Schwarze Trans* sind massiv gefährdet“

Der Aktivist Tsepo Bollwinkel fordert mehr Sensibilität für die Diskriminierungserfahrungen schwarzer Trans*. Als Mitglied der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. (ISD) hat er mit der Gruppe Black&Queer einen Schutzraum für schwarze Trans* gegründet.

Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. (ISD) existiert seit 1986 und ist der erste bündnisweite Zusammenschluss schwarzer Menschen in der Bundesrepublik. Der gemeinnützige Verein will die Interessen Schwarzer Menschen in Deutschland vertreten und für Gerechtigkeit in der Migrationsgesellschaft einstehen. Er schafft sichere Räume, in denen Empowermenttrainings und Fortbildungen angeboten werden. Die Gruppe Black&Queer ist ein Zusammenschluss von Menschen geschlechtlicher und sexueller Minderheiten innerhalb der ISD.

Interview mit Andreas Bollwinkel vom ISD

Denn auch innerhalb der ISD, erzählt Tsepo Bollwinkel, Gründer der Gruppe Black&Queer, wurden vielfältige Diskriminierungserfahrungen von Mitgliedern lange nicht ausreichend berücksichtigt: „Gerade in der Anfangszeit hat sich die ISD auf den gemeinsamen Kampf gegen Rassismus fokussiert. Diskriminierungen auf Grund des Geschlechts oder der sozialen Herkunft liefen unreflektiert weiter“, sagt Bollwinkel zurückblickend. Der 57-Jährige ist seit gut zwanzig Jahren bei der ISD aktiv. „Heute sind wir innerhalb des Vereins für andere Diskriminierungsformen wie Sexismus, Klassismus oder eben Trans*feindlichkeit viel sensibler geworden und versuchen diese immer mitzudenken.“

Aus der Vereinzelung

Bollwinkel wuchs als einzige schwarze Person in einem kleinen Dorf in Niedersachsen auf. Der ISD trat er bei, um aus der Vereinzelung herauszukommen: Endlich Menschen treffen, die ähnliche Erfahrungen haben, sich verstanden und in Sicherheit fühlen. Sein Engagement für schwarze Trans* kam viele Jahre später, denn dafür musste er sich zunächst trauen sein eigenes Outing auch innerhalb des Vereins zu vollziehen. „Ich war in der ISD die erste Person, die sich als Trans*mann geoutet hat. Das war für mich ein sehr großer Schritt, aber ich wusste, dass ich das tun muss, um endlich mein eigenes Leben zu leben.“

Koloniales Erbe

Trans* und nicht-binäre Personen waren in der schwarzen Community sehr lange unsichtbar, erzählt Bollwinkel. Die großen Tabus, die gegenüber Trans*personen in schwarzen Communities vorherrschten, wären vor allem auch ein koloniales Erbe. In vielen ehemaligen britischen Kolonien in Afrika bestehen zum Beispiel bis heute noch britische Gesetze aus dem 18. Jahrhundert, die gleichgeschlechtlichen Sex und „Crossdressing“ unter Strafe stellen. Der „koloniale Zuchtmeister“, so Bollwinkel, würde dieses Thema und die Wahrnehmung der Menschen bis heute bestimmen. Neben der Zerstörung vieler traditioneller Wertesysteme in afrikanischen Ländern, hätte der Kolonialismus auch die Integration von Trans* sowie gleichgeschlechtlicher Liebender verhindert. Dies würde gerade in der internationalen Debatte um Transphobie in Afrika nicht ausreichend thematisiert. Auch in Ländern, in denen sich Aktivist*innen heute dafür einsetzen, dass die Gesellschaft nicht mehr so stark von kolonialen Wertesystemen beeinflusst wird, sind Trans* Personen marginalisiert. Besorgniserregend sei auch, dass der Einfluss christlicher Strömungen, wie Beispielsweise die Evangelikalen, die sich sehr radikal gegen geschlechtliche Vielfalt positionieren, in vielen Ländern zunimmt.

Gruppe Black&Queer in der ISD

Schwarze trans* Personen und schwarze nicht-binäre Personen sind nach Bollwinkels Ansicht massiv gefährdet. „Schwarze trans* Personen sind einer doppelten Diskriminierung ausgesetzt und ihnen begegnet überall auf der Welt, auch in Deutschland Ausgrenzung und Gewalt.“ Die Gruppe Black&Queer ist deshalb ein Schutzraum, in dem schwarze Trans* zusammen Strategien entwickeln, wie sie mit dem gesellschaftlichen und häufig auch familiären Druck umgehen können. Insgesamt, so Bollwinkel, gäbe es bislang noch zu wenig Räume, die sich explizit an schwarze Trans* wenden würden.

Unzureichende medizinische Beratung

Angebote für schwarze Trans* fehlen nach Bollwinkel vor allem auch im Bereich der medizinischen Beratungsstellen. In Hinblick auf die psychologische Unterstützung, gäbe es in Deutschland kaum Endokrinolog*innen und Psycholog*innen, welche die multiplen Diskriminierungsprobleme von schwarzen Trans* mitdenken würden. Die psychologische Beratung ist in Deutschland bei einem Transitionswunsch aber Pflicht. „Bei einer Transition geht es an den Körper. Und der schwarze Körper ist in der öffentlichen Diskussion permanent unter Beschuss: Schwarze Körper werden exotisiert, sexualisiert oder als gefährlich gebranded. Wenn Ärzt*innen diese strukturellen rassistischen Stigmatisierungen nicht mitdenken, diese nicht einordnen können, dann erleben schwarze Trans* in ihrem Transitionsprozess massive Verletzungen.“

Projekt 4: QueerLeben

„Der Geschlechtseintrag ist heute völlig unnötig“

Mari Günther vom Projekt QueerLeben berät Inter* Trans* und ihre Angehörigen und gibt Fortbildungen zu geschlechtlicher Vielfalt. Zu Gast bei einer Fortbildung in Bremen und ihrer Beratungsstelle in Berlin.

„Der gestrige Tag hat mich zum Nachdenken gebracht, das Thema hat mich gar nicht mehr losgelassen. Ich hatte den Impuls mit jedem darüber zu sprechen“, erzählt Niloogini Sangarapillai, Mitarbeiterin des Bremer Migrationsamt. Es ist 9:00 Uhr morgens, im vierten Stock eines grauen Bürogebäudes in Bremen-Harstedt. In einem großen Stuhlkreis sitzen 12 Verwaltungsmitarbeiter*innen des öffentlichen Dienstes und diskutieren über ein für ihren Alltag bisher untypisches Thema – Geschlechtliche Vielfalt. In einer zweitägigen Fortbildung, die als Teil eines Diversity-Trainings angeboten wird, sensibilisiert die Workshopleiterin Mari Günther zusammen mit ihrem Kollegen Klaus Steinkemper, die Teilnehmer*innen zu sozialen, politischen und rechtlichen Hürden, mit denen trans* Menschen in Deutschland konfrontiert sind.

Trans* mitdenken

Ich habe mich mit dem Thema vorher einfach noch nie auseinandergesetzt“, erzählt Sangarapillai, „mir ist gestern erst klar geworden, was das eigentlich bedeutet, sich außerhalb der Norm zu bewegen und mit wie vielen Problemen das verbunden ist – von der falschen Anrede bis zu den Schwierigkeiten der nicht vorhanden Unisex-Toiletten“. Die Mitte Dreißigjährige Sangarapillai ist sichtbar nachdenklich. „Ich habe mich gefragt: Wie können wir das im Migrationsbereich mitdenken, auch die Diskriminierungserfahrungen, die geflüchtete Trans* eventuell mitbringen. Bisher hatten wir so einen Fall noch nicht“, sie stoppt kurz und ergänzt, „na ja, jedenfalls hat sich nie jemand offiziell geoutet.“ Frau Sangarapillai ist nicht die Einzige, die der Workshop aufgewühlt hat. Es gibt viele Fragezeichen und Unsicherheiten unter den Teilnehmer*innen an diesem Morgen. Gerade der Umgang mit trans* Personen im eigenen Team bewegt die Verwalter*innen. Wie kann man Tratsch unter den Kolleg*innen vermeiden und die Person bestmöglich unterstützen?

Administrative Hürden

Die achtundvierzig Jährige gelernte Therapeutin Mari Günther ordnet ein, wägt ab und gibt Ratschläge. Jede trans* Person wünsche sich andere Umgehensweisen mit ihrem Outing. „Es ist wichtig die Person ernst zu nehmen und zunächst zu fragen, wie möchtest du, dass wir innerhalb des Betriebes damit umgehen. Mit welchem Pronomen möchtest du angesprochen werden?“, erklärt Mari Günther. Die Bedürfnisse einer jeden trans* Person sind individuell und müssten daher auch individuelle Berücksichtigung finden. Die Therapeutin empfiehlt zudem die rechtlichen Hürden wie Namens- und Personenstandsänderungen und die damit verbundenen Probleme mitzudenken. Nicht in allen Dokumenten wird eine trans* Person direkt mit ihrem gewünschten Namen und Geschlecht geführt. Für einige Menschen ist zudem der Geschlechtseintrag „weiblich“ oder „männlich“ problematisch. Hier müsste auch an intersexuelle Menschen und non-binäre Personen gedacht werden. Das Bundesverfassungsgericht hatte 2017 entschieden, dass die Beschränkung des Geschlechtseintrags in nur „männlich“ und „weiblich“ gegen das Grundgesetz verstößt.

„Divers“ als dritte Option

Im August 2018 hat das Kabinett einen Gesetzentwurf beschlossen, der die Angabe eines sogenannten dritten Geschlechts in amtlichen Dokumenten ermöglicht. Als Bezeichnung dieses dritten Geschlechtes wurde „divers“ gewählt. Bis Ende 2018 muss die Gesetzesänderung umgesetzt sein. Der Beschluss wird von Inter* und Transverbänden allerdings kritisiert. Denn die Möglichkeit den Eintrag „divers“ zukünftig in seine Papiere einzutragen, ist an ein medizinisches Attest gebunden. Die Bundesvereinigung Trans* erklärte dazu: „Nicht nachvollziehbar ist für die BVT* zudem, wieso die Möglichkeit, den bei Geburt vorgenommenen Geschlechtseintrag zu korrigieren, nur den Kindern, Jugendlichen und Menschen offen stehen soll, die eine ärztliche Bescheinigung über ‚Varianten der Geschlechtsentwicklung‘ vorlegen können.“ Non-binäre Personen und trans* Personen seien durch diese Festlegung von der Option „divers“ ausgeschlossen.

Auch Mari Günther geht der Gesetzesentwurf nicht weit genug: „Der Geschlechtseintrag ist heutzutage völlig unnötig. Wenn er komplett wegfallen würde, werden administrative Vorgänge für Trans* und Inter* erheblich einfacher. Jeder Mensch hätte zu jedem Zeitpunkt die Möglichkeit seine geschlechtliche Identität selbst zu bestimmen“, erklärt sie im Workshop. Mit diesem Vorschlag löst sie in der Gruppe eine Diskussion aus: Was ist mit der strukturellen Diskriminierung von Frauen? Was mit Mädchen- oder Jungenförderprogrammen? „Wenn man den Geschlechtseintrag aufhebt, wären doch bestimmte Statistiken gar nicht mehr verfügbar“, gibt eine Teilnehmerin zu Bedenken.

Geschlechtskonstruktionen hinterfragen

Mari Günther findet, dass es für jeden Menschen wertvoll sei, sich mit dem eigenen Geschlecht auseinanderzusetzen. Deswegen beschäftigen sich die Teilnehmer*innen während der zweitätigen Fortbildung auch mit ihrer eigenen geschlechtlichen Biografie. „Gerade die Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschlecht ist für das Verständnis von trans* Personen essentiell, da vielen hier erst bewusst wird, in was für Konstruktionen wir uns bewegen. Für manche Menschen kann das sehr schmerzhaft sein“, erzählt die Therapeutin. Neben der Aufklärungsarbeit und Sensibilisierung in bundesweiten Workshops, berät sie trans*identifizierte Kinder, Jugendliche und ihre Angehörigen in Berlin.

Beratungsangebot QueerLeben

Die Angebote des Projektes QueerLeben für Inter* und Trans* in Berlin gibt es seit acht Jahren und es kommen immer mehr Familien und Betroffene in die Beratung. Mari Günther hat Theologie und Pädagogik studiert und eine Ausbildung zur systemischen Therapeutin gemacht. Dadurch das sie selber trans* ist, kann sie bei Eltern häufig Sorgen und Bedenken bezüglich der Kinder eindämmen. „Die Begegnung mit mir erzeugt bei vielen Eltern ein gutes Gefühl, weil sie sehen, okay, sie lebt das auch seit Jahren, die kann trotzdem arbeiten, Freund*innen haben und so weiter. Das beruhigt viele Eltern, weil sie merken, trans* Menschen können ein ganz normales Leben führen und aus meinem Kind kann also auch etwas werden.“

Empfehlungen für Angehörige von trans* Kindern und Jugendlichen von Mari Günther.

Insgesamt, findet Mari Günther, hat sich in den letzten Jahren vieles zum Positiven gewandelt. Jugendliche können sich heute im Internet umfassend informieren und die Versorgungslage hat sich in Berlin deutlich verbessert. „Wir haben in Berlin mittlerweile ein stabiles Netz: Wir können Ärzt*innen, Psycholog*innen und sensibilisierte Schulen empfehlen. Gerade in ländlichen Regionen sieht das ganz anders aus und es ist natürlich schlimm, wenn eine Person von ihrem Umfeld so stark eingeschränkt wird, dass man ihr eigentlich nur raten kann dort wegzuziehen.“ Gerade was die medizinische Versorgung angeht, seien die Probleme gravierend.

Mari Günther zur medizinischer Beratung von Trans*.

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